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Ärzte im Wettbewerb um Patienten
Ärzte im Wettbewerb um Patienten
Die Zukunft der ärztlichen (Hausarzt-)Praxis
Ein Mangel an Hausärztinnen und Hausärzten auf dem Lande, hohe Dichte von Arztpraxen in Ballungsräumen, dafür im Gegenzug der Vormarsch der Fachärzte zum Nachteil der Hausarztpraxen. Und das, obwohl Hausarztpraxen bei Politik und Krankenkassen als Dreh- und Angelpunkt auf dem Wege zur zukünftigen Gesundheitsversorgung gelten. Von daher ist gegenwärtig noch völlig unklar, wie es eigentlich um die Zukunft der hausärztlichen Versorgung in Deutschland bestellt ist.
Unternehmerisches Denken und Handeln hält im Gesundheitswesen schon lange Einzug. Dennoch kann nur eine langfristige Patientenbindung auf der Basis eines umfassenden Marketingkonzeptes die dauerhafte Wirtschaftlichkeit einer Praxis gewährleisten. Darüber hinaus tragen die demografische Bevölkerungsentwicklung, die steigende Lebenserwartung und eine Verschiebung des Krankheitsspektrums von akuten hin zu chronischen Erkrankungen dazu bei, dass Gesundheitsdienstleistungen stärker nachgefragt werden. Die niedergelassenen Ärzte, speziell die Hausärzte als so genannte „Gatekeeper“ nehmen in ihrer Funktion als „Lotse im Gesundheitssystem“ eine bedeutende Schlüsselposition ein.
Dringend erforderlich: Round table-Gespräche für alle Beteiligten
Menschen wird es immer geben und damit verbunden auch spezielle Krankheiten. Also – lautet der Schluss – wird es auch immer (Haus-)Ärzte in Praxen geben müssen, denn der im medizinischen System Erkrankte benötigt den speziell ausgebildeten Arzt. Stellen wir uns doch bitte einmal provokativ als These vor, sämtliche Krankheiten in den verschiedenen medizinischen Fachbereichen würden verschwinden. Sehr schnell würde dann deutlich, wie abhängig der ärztliche Beruf von der Auftragslage ist. Aus der Praxis hingegen wissen wir, wie stark sich die Morbidität und mit ihr die Anforderungen innerhalb der medizinischen Fachbereiche verändert haben.
Hinzu kommt: Auch die Ansprüche der Patienten haben sich gewandelt. Der klassische Schmerzpatient – früher ein mehrfaches tägliches Ereignis in den Praxen – ist heute eher selten geworden. Der Einzug der medizinischen Prophylaxe hat den Gesundheitszustand der Menschen deutlich verändert, der ältere Patient über 60 ohne körperliche Probleme ist längst kein Vorzeigepatient mehr. Auf Grund der fortschreitenden Forschung werden die Patientengenerationen weit verbesserte gesundheitliche Verhältnisse haben, die Bereitschaft zur eigenverantwortlichen Vorsorge nimmt auf breiter Front immer mehr zu. Wie diese Menschen hinsichtlich ihrer körperlichen Gesundheit ihr Alter erleben werden, ist heute allerdings schwer vorauszusagen. Es wird aber einen neuen Patiententypus geben, der sich viel bewusster um die Gesunderhaltung seines Körpers kümmern wird.
Eine neue Altersheilkunde wird sich etablieren, aber die großen Behandlungsnotwendigkeiten, die vielfach vermutet werden und den Hausärzten die notwendigen Erträge erwirtschaften lassen, sind vorerst reine Spekulation. Vielmehr wird sich die allgemeine Auftragslage der Ärzte verändern bzw. auf Grund des neuen Vertragsarztrechts auch verlagern (bspw. auf ein medizinisches Versorgungszentrum). Zudem wird die Zukunft wesentlich auch von Innovationen abhängen. In diesem Zusammenhang ist eine Gruppe von Gesundheitswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler der Universität Bremen der bislang wenig beachteten Frage nachgegangen, welche Vorstellungen Medizinstudierende und künftige Hausärztinnen und Hausärzte über die allgemeine Versorgung der Zukunft haben.
Aus den Ergebnissen der Erhebung „Die Sicherung der hausärztlichen Versorgung in der Perspektive des ärztlichen Nachwuchses und niedergelassener Hausärztinnen und Hausärzte“ lassen sich diese Schlüsse ziehen: Die bisherige starke Fixierung auf die so genannte ärztliche Bedarfsplanung wird dem politischen Ziel einer möglichst gleichmäßigen allgemeinmedizinischen Versorgung nicht mehr gerecht. Das Berufsbild des Allgemeinmediziners und der Allgemeinmedizinerin muss – wie im europäischen Ausland bereits gang und gäbe – systematisch verbessert werden.
Schonungslose Aufklärung – Studienberatung gefordert
Insbesondere Ärztinnen und Ärzte, die am Beginn ihres Berufslebens stehen, sind sicher noch von den alten Erfahrungen ausgegangen. Was aber eintreffen wird, ist nicht nur ein weiter sinkender Behandlungsbedarf, sondern auch eine Verknappung der finanziellen Mittel. Eine ärztliche (Hausarzt-)Praxis heute auf eine wirtschaftlich gesunde Basis zu stellen ist eine äußerst mühsame und leider nicht immer erfolgreiche Aufgabe, besonders in niederlassungsbeschränkten Gebieten. Diese wenig erfreuliche Ausgangslage wird sich noch weiter verschärfen. Zunehmend reagieren die Praxen entsprechend mit Zusammenschlüssen, um die Kosten in den Griff zu bekommen. Doch auch durch einen Zusammenschluss lässt sich nicht mehr alles kompensieren, vielmehr verlangt die realistische Betrachtung der sich verändernden Berufsaussichten nach Reaktionen.
Medizin Studierende sowie zukünftige Praxisinhaber müssen sich deshalb vielmehr mit folgenden Fragen auseinandersetzen:
Besteht die Möglichkeit für eine frühzeitige Praktika in der Allgemeinmedizin, verbunden mit der entsprechenden Reflexion innerhalb des Medizinstudiums?
Besteht die Möglichkeit von Weiterbildungsverbünden für Ärztinnen und Ärzte auf ihrem Weg zum Erwerb der Gebietsbezeichnung Allgemeinmedizin?
Welche Wünsche werden an die Veränderung der beruflichen Rahmenbedingungen formuliert?
Wie kann das Interesse an einer allgemeinmedizinischen Tätigkeit gesteigert werden?
Bestehen Modelle zur besseren Bewältigung der Anforderungen durch Beruf, Familie und Partnerschaft in unterschiedlichen regionalen Milieus?
Welche Motive und Hintergründe werden mit einer Niederlassung in strukturschwachen Regionen verbunden?
Besteht die Möglichkeit einer modellhaften Erprobung neuer kooperativer Versorgungsformen in der Allgemeinmedizin?
Der (Haus-)Arzt im Wettbewerb
Neue Versorgungsformen – neben der bestehenden Regelversorgung – wie die integrierte Versorgung oder medizinische Versorgungszentren tragen dazu bei, dass sich aufgrund von Kooperationsverbünden die Landschaft des Gesundheitswesens und die Situation für niedergelassene Ärzte grundlegend verändern. Aufgrund der veränderten Marktbedingungen hat sich längst ein Paradigmenwechsel vom Anbietermarkt zum Nachfragermarkt mit steigenden Qualitätsansprüchen vollzogen. In diesem zunehmend wettbewerbsorientierten Gesundheitsmarkt sind die Ärzte gezwungen, sich auf die neuen Anforderungen auf der Nachfrageseite einzustellen.
Gerade in diesem Bereich müsste insbesondere schon der Studierenden auf die veränderte Berufssituation eingegangen werden. Besonders für Schulanfänger, die immer noch in übergroßer Zahl das Studium beginnen, wären genaue Informationen wichtig. Stattdessen hören sie in den Studienberatungen immer noch von den Zahlen und Daten aus der Vergangenheit. Aktuell müsste es nämlich heißen: zu viele Ärztinnen und Ärzte bei schwindender Auftragslage. Das ist Realität! Auch das Anforderungsprofil an den Arzt wird sich wandeln. Die universitäre Ausbildung wird sich darauf einstellen müssen. Die notwendigen Anpassungen müssen an die Herausforderungen von morgen geschaffen werden. Insgesamt lässt sich erkennen, wie wichtig die Anpassung an die Entwicklung der ausgeübten ärztlichen Tätigkeit ist. Viele Abstimmungen und Gespräche aller Beteiligten sind notwendig. Ein „runder“ Tisch sollte alsbald eingerichtet werden, an dem alle Platz haben müssen, die beteiligt und betroffen sind. Das wird sicherlich keine leichte Runde werden, und sie wird auch einige Zeit benötigen. Dennoch muss auf die Entwicklungen reagiert werden – je eher desto besser.
Mehr denn je gilt es daher für bereits bestehende (Hausarzt-)Praxen, alle Aktivitäten zielgruppenspezifisch auf die Bedürfnisse der Patienten auszurichten, um langfristig auf dem neuen QuasiMarkt bestehen zu können. Denken und Handeln im Hinblick auf die Bedürfnisse, Wünsche und Probleme der Patienten stellt das A und O für eine erfolgreiche Patientenorientierung dar.
Hilfestellung in allen Fragestellungen zu diesem Thema:
Ratgeber: Management Arztpraxis – Praxis- und Beziehungsmanagement zwischen Arzt, Mitarbeitern und Patienten
VDM-Verlag Dr. Müller, ISBN 3-936755-03-5, DNB-Nr. 965581756, WV-Nr. 03,A03,0707, EAN 9783936755039; kartoniert, 304 Seiten, graphische Darstellungen
Für alle Mediziner, Personalverantwortlichen im Gesundheitswesen (Krankenhaus, Praxis etc.) ein sehr hilfreiches und umfassendes Buch: alle Managementprozesse eines modernen Medizinbetriebes wie einer Arztpraxis werden einleuchtend und verständlich dargestellt. In Zeiten finanzieller Engpässe sind solche Ratgeber eigentliche ein MUSS. Man sieht, was man noch alles besser machen kann.
Dietmar Kern
Wirtschaftpublizist, medizinischer Fachjournalist




